Familienzeit

Die Zeit verfliegt. Die Bäume entleeren sich immer schneller der bunt verfärbten Blätter und die morgendliche Dunkelheit verdichtet sich. Statt den Garten winterfest zu machen oder meine Nähliste abzuarbeiten, nimmt die Familienzeit mehr Raum ein.

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Der kleinen Raupe beim Wachsen, Lachen und Entdecken zusehend die Kuscheleinheiten geben die sie braucht. Ihr beim Einschlafen helfen, wenn sie es selbst vor lauter Müdigkeit nicht schafft. Aber auch, sie in kleinen zaghaften Schritten von anderer Nahrung oder der Flasche zu überzeugen. Zweisame Papazeit ist schwierig, wenn die Raupe auch schon mal nach einer Stunde wieder nach exklusivem Futter schreit.

Mit M zu Hause in kleinen Schritten üben, bei neuen Übungen nicht von vornherein aufzugeben aufgrund von überhöhten Erwartungen an sich selbst bzw. der Möglichkeit des Versagens (sprich krakeliger erster Schreibübungen). Den „Fehler“ als Teil des Übungsprozesses zu akzeptieren. Die Übungen dann auch an einem Stück durchzuziehen, selbst wenn sie nach den ersten Strichen langweilig erscheinen mögen. Bestärken, dass auch er es in der verfügbaren Zeit schaffen kann, wenn er sich selbst nicht davon abhält. Alles, ohne den bestehenden Spass an der Schule zu verlieren. Denn der ist noch da und die Lernmotivation ist groß. Die nachzuholenden Aufgaben aus dem Unterricht und der Hausaufgabenstunde werden weniger und erste für sich selbst festgestellte Erfolge erfreuen das Kind. Er scheint sich angekommener zu fühlen als noch vor kurzem im Kindergarten. M über den Schulwechsel des ersten Schulfreundes hinwegtrösten, dessen Verhaltensauffälligkeiten nie ein Gesprächsthema waren, obwohl M viel zu oft etwas persönlich nimmt. Ich wünsche mir auch öfter die Ruhe mich auf die positiven Eigenschaften meiner Mitmenschen zu konzentrieren und sie ohne hindernde Vorbehalte annehmen zu können. Es ist so viel leichter, die Stärken im Lauten und Störenden zu übersehen. Dem Großen das Gefühl geben, dass er ebenfalls ausreichend Beachtung findet und gleichzeitig an seinem Grußverhalten arbeiten. Schöne Zeiten gemeinsam verbringen. Die letzten Tage hat er M unbedingt ein neues Buch aus der Schule als Gutenachtgeschichte vorlesen wollen. Beiden zusammen auf dem Sofa in einer Decke eingemummelt war ein wundervolles, friedliches Bild.

Die offensichtlich und glücklicherweise vorhandene innere Sicherheit der Kinder erhalten. Trotz Ausgangssperre mit Polizeiwache in der Schule als für Nachbarschule ein Amoklauf angedroht wurde. Trotz Durchsage in der Schulsporthalle selbiger Nachbarschule über den Unfalltod eines Schülers sowie den Tod eines zweiten Schülers während des Sportunterrichtes. Trotz der Gedanken, die sich die Kinder manchmal über Krieg machen und über die flüchtenden Familien, die auch in ihrer Klasse lernen. In Berlin hatten die Kinder viele Fragen zu den Resten der Gedächtniskirche und der darin befindlichen Ausstellung, zu symbolischen Mauern entlang des Weges, Grenzposten, geteilten Ländern. Die Thematik wurde für sie etwas greifbarer, weniger diffus. Und es war völlig selbstverständlich, dass jemand z. B. vor Krieg hierher flüchtet. Gerade die kürzlichen Wiedervereinigungsfeierlichkeiten machten mir bewusst, wie schnell wir vergessen haben, dass Flucht vor dem politischen System oder die Zusammenführung von Familien nach willkürlicher Grenzziehung und -schließung völlig akzeptabel waren. Jetzt wird aus Angst um das Erreichte , um den Traum einer besseren Zukunft oder aus Angst vor Unbekannten diese Akzeptanz für Menschen anderer Herkunft in Frage gestellt.

Natürlich gab es vor allem viel unbeschwerte Zeit: Mitmachexperimente, Spieleabende, Lese- und Filmstunden, Entdeckungstouren, leckeres Essen. Zeit mit dem Lieblingsmann und auch mal allein genießen. Kraft tanken. Die Gedanken von der Seele schreiben. Sich Zeit für Nichts zu nehmen. Für innere Ruhe und Gelassenheit.

snail