Breite Schultern oder der lange Weg zur Erkenntnis der Schnittanpassung

Manchmal dauert es ziemlich lange, bis man das offensichtliche erkennt. Um nicht zu sagen: Ewig! Mit gekauften Oberteilen wie Blusen, Blazern oder eng sitzenden Jacken bzw. Kleidern hatte ich schon als junge Erwachsene Probleme. Sobald ich mich bewegte, spannte der Stoff über die Arme und über die Schulterblätter. Das ergibt nicht nur ein unangenehmes Tragegefühl sondern sieht auch bescheiden aus. Dazu gab es meist nur beruhigendes Zureden, den Hinweis auf die nächste Größe oder hilfloses Schulterzucken. Irgendwie gewöhnt man sich daran und freut sich über jedes mühevoll gefundene halbwegs passende Teil. Eine Körperzone mehr oder weniger, die nicht ins übliche Konfektionsmodell passt.

Doch auch beim Nähen figurbetonterer Oberteile war an den Oberarmen irgendwas komisch. In einem längeren Nähkurs, dessen Leiterin explizit auch für Schnittanpassung ausgebildet sein sollte, wurde mir versichert, dass die Teile vorschriftsmäßig saßen und dass mit den Schultern alles entsprechend den Vorgaben der Schnittmusterhersteller war. Die Spannungsgefühle wären eher Einbildung. Ich könnte ja auf Höhe der Schulterblätter noch einen halben cm zugeben, damit ich mich besser fühle. Hrmpf. Sicher. Dummerweise war ich seitdem davon überzeugt, dass meine Schulterbreite normal ist und irgendeine andere Schnittanpassung erforderlich ist. Keiner der durchgeführten Anpassungsversuche war wirklich befriedigend. Folglich kämpfe ich seit Jahren mit engeren Oberteilen jeglicher Art und dreh mich im Kreis. Bei ganz grauenhafter Passform vermutete ich sogar, dass ich abends übermüdet schwerwiegende Abpaus- und Zuschnittfehler beging.

Letztes Wochenende war Nähnerd-Klassenfahrt. Natürlich meldete ich mich für den Workshop zur Oberteilanpassung an. Gerüstet mit einem Schnitt, der meine üblichen Probleme beinhaltet, ging es ans Abstecken. Diesmal war ich endlich an eine fachkundige Maßschneiderin geraten, die regelmäßig mit Passformüberprüfung und Schnittanpassung zu tun hat. Natürlich sind meine Schultern breiter als vorgesehen. Im ersten Bild kann man erkennen, wieviel Stoff wir am Armausschnitt der Jacke zugegeben haben: Nicht nur die Nahtzugabe von 1,5 cm auf einer Seite sondern zusätzlich über 1 cm als eingesetzter Streifen! Da fiel bei mir nicht nur ein Groschen.

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Für breite Schultern habe ich mehrere Anpassungsmöglichkeiten gefunden. Der Burda-Workshop sieht einen Einschnitt bis zur Taillenlinie und ein keilförmiges Auseinanderschieben vor. Im Burda-Buch „Nähen leicht gemacht“ wird dagegen nur ein Ausschnitt der Schulter verschoben (links). Im Buch „The Perfect Fit“ wird ebenfalls ein Ausschnitt verschoben. Allerdings werden die Schritte sehr viel besser erläutert und v. a. wird das Zeichnen des neuen Armausschnitts erklärt.

Als Testobjekt dient Ottobre 303. Die Passform des ärmellosen Tops ist gut, abgesehen vom fehlenden Stoff an den Schultern. Für den Anfang habe ich Vorder- und Rückenteil um 2 cm angepasst. Viel mehr sollte es nach allen Anleitungen auch nicht sein. Ein Stoffstapel für meine Testreihe liegt schon bereit. Zuerst kommt eine mauvefarbene Viskose dran. Mit eventuellen Schnittverbesserungen wird der etwas festere grüngestreifte Doubleface zugeschnitten. Noch befürchte ich Probleme mit den Ärmeln und zuviel Stoff im Vorderteil. Nach erfolgreicher Anpassung warten ein wundervoll weicher blauer Viskosestrick, eine blaubeige schimmernde Viskose sowie ein sorgsam gehüteter Seidenjersey darauf, endlich in meinen Schhrank einzuziehen.

Hach, ich bin ganz aufgeregt bei der Aussicht auf besser sitzende Oberteile.

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